Wise Wizard Games in der Crowdfunding-Krise: Was Backer im DACH-Raum jetzt wissen sollten
Wise Wizard Games kämpft mit Lieferverzug bei mehreren Kickstarter-Projekten und Entlassungen. Was das für Backer im DACH-Raum jetzt bedeutet.
Der US-Kartenspiel-Verlag Wise Wizard Games, bekannt für die Deckbuilder-Reihen Star Realms und Hero Realms, steht wegen Lieferverzug bei mehreren Crowdfunding-Projekten unter Druck. Mehrere finanzierte Kickstarter-Projekte sind weiterhin nicht bei den Unterstützern angekommen, der Verlag hat Personal abgebaut und verweist auf gestiegene Kosten und die unsichere US-Zoll-Lage. Eine Welle von Backer-Beschwerden, ausgelöst unter anderem durch einen vielbeachteten Thread im Forum r/boardgames, hat das Thema zuletzt in die Brettspiel-Öffentlichkeit getragen.
Für Spielerinnen und Spieler im deutschsprachigen Raum ist die Lage zweigeteilt, und das ist die zentrale Frage dieses Beitrags: Wer eine der Kampagnen direkt unterstützt hat, wartet womöglich seit Jahren. Wer die Titel dagegen im regulären Handel als fertiges Produkt kauft, ist von der Krise nur am Rande betroffen. Diese Trennung ist der Kern unserer Einordnung.
Was ist passiert?
Wise Wizard Games hat über mehrere Jahre eine ganze Reihe von Crowdfunding-Projekten finanziert, deren Auslieferung sich erheblich verzögert. Das Brancheninformationsangebot BoardGameWire berichtete am 12. November 2025 von vier noch nicht ausgelieferten Kampagnen:
- Hero Realms Dungeons: über 1 Million US-Dollar, ursprünglich angekündigt für Februar 2024
- Robot Quest Arena: Bot Battle: rund 1,1 Millionen US-Dollar, Ziel Juni 2025
- Star Realms Deluxe Colonial Collection: über 300.000 US-Dollar, Ziel November 2024
- Draconis 8: physische Ausgabe des Sammelkartenspiels
Bereits im April hatten wir über den Projektstopp bei laufenden Crowdfunding-Kampagnen des Verlags berichtet. Auch abgeschlossene Projekte brauchten lange: Laut BoardGameWire wurde die Auslieferung von Star Realms: Rise of Empire erst rund zwei Jahre nach dem ursprünglich für Juni 2023 angekündigten Termin abgeschlossen. Unterstützer kritisieren dem Bericht zufolge vor allem ständig verschobene Liefertermine und eine dünne Kommunikation. Bemängelt wurde außerdem, dass der Verlag trotz finanzieller Probleme weiterhin Personal auf Messen schickte.
Den jüngsten Schub bekam die Debatte aus der Community selbst: In einem Thread im Reddit-Forum r/boardgames mit dem Titel „I deeply regret backing Wise Wizard Games on...” sammelten sich zahlreiche Wortmeldungen enttäuschter Unterstützer. Ein solcher Thread ist ein Stimmungssignal, kein Urteil. Er zeigt aber, dass die Geduld eines Teils der Unterstützerbasis aufgebraucht ist.
Wer ist Wise Wizard Games?
Wise Wizard Games (früher White Wizard Games) ist ein kleiner US-Verlag mit Schwerpunkt auf schnellen Karten- und Deckbuildern. Das Aushängeschild ist die Star-Realms-Familie, einer der bekanntesten modernen Zwei-Personen-Deckbuilder: kompakte Duelle, in denen beide Seiten aus einem gemeinsamen Markt Karten kaufen und ihr Deck Runde um Runde aufrüsten. Der jüngere Ableger Star Realms: Rise of Empire (2024) erweitert das Prinzip um eine Legacy-Kampagne über zwölf Szenarien für zwei Personen, Partien dauern laut BoardGameGeek rund 20 Minuten, empfohlen ab 12 Jahren. Die fantasythematische Schwester-Reihe Hero Realms überträgt denselben Deckbuilder-Kern in eine Abenteuerwelt, Hero Realms Dungeons ergänzt eine Kampagne mit Dungeon-Encountern.
Neben den Karten-Titeln gehört auch Robot Quest Arena (2023) zum Programm, ein Deckbuilding-Arenakampf mit vorbemalten Roboter-Miniaturen für zwei bis vier Personen. Dieser Verlagstyp erklärt einen Teil des Problems: Wise Wizard Games arbeitet mit einer wiederkehrenden Kickstarter-Kadenz, startet also regelmäßig neue Kampagnen. Solange die Auslieferung reibungslos läuft, ist das ein bewährtes Modell. Stockt die Erfüllung, türmt sich schnell ein Rückstand aus mehreren offenen Projekten gleichzeitig auf, und neue Kampagnen wirken auf wartende Unterstützer wie ein zusätzlicher Affront.
Was sagt der Verlag?
Wise Wizard Games hat sich öffentlich geäußert. In einem Business-Update vom 4. November 2025 räumt der Verlag eine „schwierige interne Umstrukturierung” mit Stellenabbau ein und schreibt, gestiegene Kosten und unberechenbare US-Zölle hätten „die Lage für Spielefirmen auf breiter Front schwierig gemacht”. Die Summe der überfälligen Crowdfunding-Projekte beziffert der Verlag laut BoardGameWire auf rund 2,5 Millionen US-Dollar. Zugleich betont das Unternehmen, man bleibe der Erfüllung der Crowdfunding-Kampagnen verpflichtet und entschuldige sich „für die Verzögerungen und Störungen” (im Original: „we're sorry for the delays and disruptions”).
Gegenüber BoardGameWire bestätigte der Verlag die Entlassung von zwei Vollzeitkräften und ordnete die Lage so ein: Die Zeiten seien herausfordernd, man habe „einige harte Entscheidungen” treffen müssen, sehe sich aber gut aufgestellt, „um den Sturm zu überstehen”. Die Eigentümer arbeiteten dem Bericht zufolge zeitweise ohne Bezahlung, um Kosten zu senken und das Geschäft weiterzuführen. Als Strategie nennt der Verlag eine Konzentration auf kleinere, günstiger zu produzierende Box-Spiele.
Wichtig für die Einordnung: Der Verlag stellt die Auslieferung nicht ein, sondern sagt sie weiter zu. Konkrete, belastbare neue Liefertermine für die offenen Projekte nennt das öffentliche Update allerdings nicht. Stand dieser Berichterstattung ist der öffentlich dokumentierte Informationsstand vom November 2025; seither sind keine belastbaren neuen Termine bekannt geworden.
Was bedeutet das für DACH-Spielerinnen und -Spieler?
Hier lohnt die saubere Trennung zweier Gruppen.
Direkt betroffen sind Unterstützerinnen und Unterstützer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die eine der Kampagnen selbst über Kickstarter finanziert haben. Sie tragen das volle Risiko der Verzögerung, hinzu kommen bei Importsendungen aus den USA mögliche Versand- und Einfuhrkosten. Wer hier wartet, hat aktuell wenig Handhabe außer Geduld und dem Verfolgen der offiziellen Updates.
Deutlich geringer ist das Risiko für alle, die die Spiele als fertiges Produkt im regulären Handel kaufen. Lokalisierte Star-Realms-Ausgaben liefen im deutschsprachigen Markt in der Vergangenheit unter anderem über IELLO, also über vom Kickstarter unabhängige Vertriebswege. Bereits produzierte und in den Handel gelangte Ware ist vom Stand der laufenden Kampagnen nicht betroffen. Eine Garantie auf dauerhafte Verfügbarkeit ist das allerdings nicht: Gerät ein Verlag finanziell unter Druck, kann sich das mittelbar auf künftige Nachdrucke, neue Lokalisierungen und die Pflege einer Produktlinie auswirken. Wer einen bestimmten Titel im Auge hat, greift im Zweifel also eher früher als später zu.
Eine DACH-Note hat der Fall trotzdem: Nach eigener Ankündigung war Wise Wizard Games im Oktober 2025 mit einem Stand auf der SPIEL in Essen vertreten und bot dort unter anderem Vorab-Exemplare neuer Titel an. Genau diese Messepräsenz, parallel zu offenen Lieferversprechen, gehört zu den Punkten, an denen sich der Unmut der Unterstützer entzündet.
Einordnung: Crowdfunding-Versprechen und die Rechtslage
Crowdfunding ist rechtlich nicht ohne Weiteres mit einem Kauf gleichzusetzen. Wer ein Projekt unterstützt, finanziert eine Produktion mit und trägt das Risiko mit, dass sie sich verzögert oder im schlimmsten Fall scheitert. Das ist der unbequeme Kern jeder solchen Kampagne, unabhängig vom Verlag. Der Fall steht dabei nicht allein: Finanzieller Druck hat zuletzt mehrere crowdfunding-erfahrene Verlage getroffen, ähnlich wie bei Steamforged Games. Das macht Wise Wizard Games weniger zum Ausreißer als zum Beispiel für ein strukturelles Risiko kleiner Crowdfunding-Verlage.
Heikler wird die Frage, welche Verbraucherrechte greifen. Verbraucherschützer und juristische Kommentatoren weisen darauf hin, dass sich klassische Instrumente wie Widerrufsrecht oder Gewährleistung nicht ohne Weiteres auf eine Crowdfunding-Unterstützung übertragen lassen, weil rechtlich oft kein gewöhnlicher Kaufvertrag vorliegt. Rechtlich umstritten und vor allem in der Praxis schwierig ist zudem die grenzüberschreitende Durchsetzung: Ein Backer aus dem DACH-Raum, der einen US-Verlag in Anspruch nehmen möchte, steht vor erheblichen praktischen Hürden. Wir benennen das hier bewusst als vorsichtige Einordnung, nicht als abschließende juristische Bewertung.
Fazit und Ausblick
Wise Wizard Games ist kein anonymer Großkonzern, sondern ein kleiner Verlag, der nach eigener Darstellung um sein Überleben ringt und an seinen Lieferversprechen festhält. Das macht den Fall weder harmlos noch erledigt. Entscheidend wird, ob auf das Bekenntnis zur Erfüllung nun belastbare Termine und sichtbare Auslieferungen folgen. Für DACH-Unterstützer offener Kampagnen heißt das vorerst: weiter warten und die offiziellen Updates im Blick behalten. Für alle anderen bleibt die Star-Realms-Familie das, was sie immer war: ein schneller Deckbuilder, den man im Handel als fertiges Produkt bekommt.