Brettspiel-Messen in Deutschland: Entwicklung seit 2000

Seit der Jahrtausendwende hat sich in Deutschland eine dynamische Messeszene rund um Brettspiele etabliert. Angetrieben durch das anhaltende Interesse an modernen Gesellschaftsspielen, wuchs die Zahl an Veranstaltungen ebenso wie die Besucherströme kontinuierlich an. Gleichzeitig entstanden neue Formate, die sich gezielt an Familien, Vielspieler oder die Fachwelt richteten.
Während Leitmessen wie die SPIEL in Essen regelmäßig sechsstellige Besucherzahlen verzeichnen, gewinnen auch kleinere Events regional und thematisch an Bedeutung. Die Pandemie unterbrach diesen Trend nur vorübergehend – viele Messen kehrten gestärkt zurück oder entwickelten digitale Alternativen.
Der folgende Überblick zeigt, wie sich die wichtigsten Brettspiel-Messen in Deutschland seit dem Jahr 2000 entwickelt haben – von traditionsreichen Großveranstaltungen bis hin zu neuen, fangetragenen Formaten.
SPIEL in Essen: Internationale Leitmesse mit Rekorden
Die SPIEL in Essen ist seit Jahrzehnten das Aushängeschild der deutschen Brettspielszene. Als weltweit größte Publikumsmesse für Gesellschaftsspiele zieht sie jährlich über 200.000 Besucher an – Tendenz steigend.
Seit dem Jahr 2000 verzeichnet die SPIEL ein stetiges Wachstum. Während die Besucherzahlen zu Beginn der 2000er bei etwa 150.000 lagen, wurde 2019 mit über 209.000 Gästen ein vorläufiger Rekord erreicht. Auch die Zahl der Aussteller stieg deutlich: von rund 600 im Jahr 2000 auf über 900 im Jahr 2024. Inzwischen belegt die Messe über 68.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche und präsentiert jährlich mehrere hundert Neuheiten.
Ein starker Einschnitt erfolgte 2020, als die SPIEL pandemiebedingt nur digital stattfinden konnte. 2021 folgte der vorsichtige Neustart mit reduzierter Besucherzahl, bevor sich die Messe ab 2022 wieder erholte. Bereits 2024 war das Event wieder ausverkauft.
Mit dem Wechsel der Veranstalter – vom Merz-Verlag zur Spielwarenmesse eG – erfolgte eine sanfte Modernisierung: Neues Logo, digitale App und Maskottchen ergänzen das bewährte Konzept. Die SPIEL bleibt damit nicht nur eine Neuheiten-Plattform, sondern auch ein globaler Branchentreffpunkt – und ein zuverlässiger Indikator für den Erfolg der Brettspielkultur.
Spielwarenmesse Nürnberg: Fachmesse mit stabiler Rolle
Im Gegensatz zur publikumsorientierten SPIEL in Essen richtet sich die Internationale Spielwarenmesse in Nürnberg ausschließlich an Fachbesucher. Seit 1949 gilt sie als weltweit bedeutendste Branchenmesse für Spielwaren – einschließlich Brett- und Gesellschaftsspielen.
Jedes Jahr im Februar treffen sich in Nürnberg Hersteller, Händler und Lizenznehmer aus aller Welt, um Neuheiten zu präsentieren und Vertriebsvereinbarungen zu schließen. Brettspiele machen dabei nur einen Teil des Gesamtangebots aus, stehen aber bei vielen Verlagen dennoch im Fokus. Vor allem Prototypen, Kinderspiele und Familienspiele werden hier erstmals gezeigt.
Die Messe blieb über die Jahre ein verlässlicher Branchentermin. Mit über 65.000 Fachbesuchern gehört sie zu den größten Messen Deutschlands. Auch wenn während der Pandemie 2021/22 pausiert werden musste, fand ab 2023 wieder ein regulärer Betrieb statt.
Für die deutsche Brettspielszene ist Nürnberg vor allem als Impulsgeber relevant: Was hier vorgestellt wird, findet oft im Herbst auf der SPIEL in Essen den Weg zum Endkunden. Als reine Ordermesse bleibt sie zwar unter dem Radar der Öffentlichkeit – für die Branche aber unverzichtbar.
Süddeutsche Spielemesse Stuttgart: Familienmesse im Messeverbund
Die Süddeutsche Spielemesse findet jährlich im Rahmen des Stuttgarter MesseHerbst statt und hat sich als zentrale Anlaufstelle für Brettspielbegeisterte im süddeutschen Raum etabliert. Mit rund 150.000 Besuchern pro Jahr zählt sie zu den größten regionalen Spieleveranstaltungen Deutschlands.
Ein besonderes Merkmal: Die Messe ist Teil eines größeren Messeverbunds, zu dem unter anderem auch Verbrauchermessen wie Familie & Heim oder Modell Süd gehören. Dieser Themenmix zieht ein breit gefächertes Publikum an – insbesondere Familien, die mehrere Interessen an einem Ort abdecken können.
Inhaltlich bietet Stuttgart eine Mischung aus Brett- und Kartenspielen, Puzzle, Spielzeug und Kinderbüchern. Viele Verlage präsentieren ihre Neuheiten hier mit etwas zeitlichem Abstand zur SPIEL in Essen, häufig verbunden mit der Möglichkeit zum sofortigen Kauf. Ergänzt wird das Angebot durch Mitmachaktionen, Turniere und Spielpreise wie den Deutschen Lernspielpreis.
Seit den 2000er-Jahren ist die Veranstaltung kontinuierlich gewachsen und konnte auch nach der pandemiebedingten Pause 2020 wieder an frühere Besucherzahlen anknüpfen. Für Aussteller ist Stuttgart ein Pflichttermin im Süden – und für viele Familien ein festes Highlight im Veranstaltungskalender.
Modell-Hobby-Spiel Leipzig: Vielseitiges Event mit Spielefokus
Im Osten Deutschlands hat sich die Modell-Hobby-Spiel in Leipzig als feste Größe im Messekalender etabliert. Ursprünglich aus dem Modellbaubereich hervorgegangen, entwickelte sich die Veranstaltung zu einem breit aufgestellten Event, das jährlich rund 75.000 Besucher anzieht.
Neben Modellbau, Eisenbahnen und Bastelthemen nimmt die Brettspiel-Sektion mittlerweile einen bedeutenden Platz ein. Große Verlage wie Kosmos, Ravensburger oder Hasbro nutzen Leipzig, um ihre Herbstneuheiten kurz vor der SPIEL in Essen zu präsentieren. Viele Titel lassen sich vor Ort anspielen – oft noch vor offizieller Veröffentlichung.
Die Kombination aus Technik, Kreativität und Spiel macht den Reiz der Messe aus. Besonders Familien profitieren vom vielseitigen Angebot, das generationsübergreifend Interessen abdeckt. Das Timing – meist Ende September – ermöglicht einen attraktiven Vorgeschmack auf die Herbstveröffentlichungen.
Seit Mitte der 1990er-Jahre kontinuierlich gewachsen, hat sich die Modell-Hobby-Spiel als wichtiger Treffpunkt in der Region etabliert. Aussteller wie Besucher schätzen das Konzept: ein zugängliches Freizeit-Event mit Fokus auf spielerische Erlebnisse in vielfältigem Rahmen.
Spielwiesn München/Augsburg: Spielen statt nur schauen
Die Spielwiesn zählt zu den traditionsreichsten Spieleveranstaltungen Deutschlands. Über drei Jahrzehnte lang fand das Event in München statt, bevor 2023 der Umzug nach Augsburg erfolgte. Der Charakter der Messe blieb dabei erhalten: Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Spielen – nicht das reine Präsentieren.
Anders als klassische Messen versteht sich die Spielwiesn als Mitmach-Festival. Tausende Spiele stehen in einer zentralen Ausleihe bereit, darunter Klassiker, Neuheiten und Nischentitel. Besucher aller Altersgruppen können an langen Spieltischen Platz nehmen, Turniere besuchen oder an der „Langen Nacht des Spielens“ teilnehmen.
Nach einer pandemiebedingten Pause startete die Messe 2022 mit reduzierter Besucherzahl neu durch. Seit dem Standortwechsel nach Augsburg verzeichnet sie wieder steigende Zahlen: 2024 kamen rund 15.000 Besucher. Auch die Ausstellerzahl nimmt zu – über 60 Verlage und Händler waren zuletzt vertreten.
Die Spielwiesn richtet sich gezielt an Gelegenheitsspieler, Familien und Brettspiel-Enthusiasten, die Neues ausprobieren und Bekanntes neu entdecken wollen. Das Konzept bleibt erfolgreich, weil es auf Spielfreude, Zugänglichkeit und entspannte Atmosphäre setzt – unabhängig von Trends und Verkaufsdruck.
SPIEL DOCH! Dortmund und Friedrichshafen: Frühjahrsmesse mit Potenzial
Mit der SPIEL DOCH! entstand 2018 eine neue Publikumsmesse, die gezielt das Frühjahr als Veranstaltungslücke nutzte. Ins Leben gerufen vom Nostheide-Verlag (u. a. spielbox), richtete sich das Event von Anfang an an Brettspielfans, die nicht bis zur SPIEL im Herbst warten wollen.
Nach dem erfolgreichen Debüt in Duisburg mit über 11.000 Besuchern etablierte sich die SPIEL DOCH! schnell. Ab 2022 wurde die Messe nach Dortmund verlegt – aus organisatorischen Gründen, aber mit nachhaltigem Erfolg. 2025 besuchten bereits rund 17.000 Menschen die Veranstaltung. Über 180 Verlage und Marken präsentierten Spiele für Familien und Vielspieler gleichermaßen.
Seit 2023 gibt es zusätzlich eine zweite Ausgabe am Bodensee in Friedrichshafen. Auch dort war das Interesse groß: Zur Premiere kamen etwa 7.000 Besucher – ein starker Wert für die Region. Das Konzept überzeugt: entspanntes Spielen, vielfältige Neuheiten und eine familiäre Atmosphäre, auch an besucherstarken Tagen.
Die SPIEL DOCH! füllt eine Lücke im Kalender und spricht gezielt Spieler an, die zwischen Nürnberg und Essen nach einem Spiele-Event suchen. Mit zwei festen Standorten und steigender Reichweite hat sich die Messe in kurzer Zeit als feste Größe etabliert.
Berlin Brettspiel Con: Community-Event mit Wachstum
Die Berlin Brettspiel Con – oft einfach Berlin-Con genannt – wurde Mitte der 2010er-Jahre von Brettspiel-Enthusiasten ins Leben gerufen. Was in einer Berliner Schule begann, entwickelte sich rasch zu einem beliebten Sommer-Event für die Spielerszene. Hinter dem Format stehen unter anderem die bekannten YouTuber Hunter & Cron.
2023 verzeichnete die Berlin-Con erstmals über 15.000 Besucher, 2024 wurde diese Zahl nochmals übertroffen. Aufgrund des wachsenden Andrangs zog die Veranstaltung in das Estrel Convention Center um – mit mehr Platz für Verlagsstände, Spielflächen und Rahmenprogramm.
Im Mittelpunkt steht das Spielen: Eine große Spieleausleihe mit freiem Spielbereich, Turniere, Prototypen-Testflächen, Flohmarkt und Artist Alley machen die Berlin-Con zu einem vielseitigen Treffpunkt. Gleichzeitig präsentieren zahlreiche Verlage Neuheiten und laden zum Ausprobieren ein.
Die Berlin Brettspiel Con zeigt exemplarisch, wie sich eine fangetragene Veranstaltung etablieren kann. Mit über 100 Ausstellern und einer offenen, publikumsnahen Atmosphäre ergänzt sie die Messelandschaft um ein modernes, community-orientiertes Format – jenseits der etablierten Großveranstaltungen.
Regionale Veranstaltungen: Vielfalt abseits der großen Bühnen
Neben den etablierten Großmessen existiert in Deutschland eine breite Landschaft kleinerer regionaler Spiele-Events, die das Hobby lokal erlebbar machen. Dazu zählen Spieletage, Conventions oder Vereinsveranstaltungen – häufig organisiert von Ehrenamtlichen, Städten oder Spielezentren.
Beispiele sind die Ratinger Spieletage in Nordrhein-Westfalen mit rund 2.500 bis 3.000 Besuchern oder das Spielefest Darmstadt spielt, das jährlich Tausende anzieht. In Herne findet seit 1987 der SpieleWahnsinn statt – mit Fokus auf das Spielen selbst, weniger auf Verkauf. Rund 4.000 Besucher, darunter viele Familien, nutzen dort die Gelegenheit, Neuheiten und Prototypen zu testen.
Weitere erwähnenswerte Formate sind das Göttinger Spieleautorentreffen – ein reiner Branchentreff für Spielentwickler – sowie regelmäßig stattfindende Spieltage in Städten wie Hamburg, Bremen oder Heidelberg. Auch wenn Verlage hier meist nur vereinzelt vertreten sind, tragen diese Events wesentlich zur Sichtbarkeit des Hobbys bei.
Fazit: Stabile Entwicklung und kulturelle Verankerung
Seit dem Jahr 2000 haben sich Brettspiel-Messen in Deutschland in bemerkenswerter Weise entwickelt. Die SPIEL in Essen wuchs zur weltgrößten Publikumsmesse ihrer Art, während neue Formate wie SPIEL DOCH! oder die Berlin-Con eigenständige Zielgruppen erschlossen. Fachveranstaltungen wie die Spielwarenmesse Nürnberg blieben wichtige Impulsgeber für die Branche.
Auch nach pandemiebedingten Einschnitten kehrten nahezu alle Messen zurück – oft mit steigender Resonanz. Das Spektrum reicht heute von kleinen, lokalen Spieltagen bis hin zu Events mit über 200.000 Besuchern. Gemeinsam bilden sie ein Netzwerk, das das Hobby in allen Regionen zugänglich macht.
Die Zahlen und Entwicklungen zeigen: Brettspiel-Messen sind mehr als reine Verkaufsschauen – sie sind Begegnungsorte, Neuheiten-Bühnen und Kulturgut zugleich. In der Summe unterstreichen sie den anhaltenden Boom der Brettspielszene – und dürften auch künftig ein fester Bestandteil der Freizeit- und Kulturlandschaft bleiben.
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